Mittwoch, 6. Februar 2013

Brat / Der Bruder (Aleksei Balabanov, Russland 1997)

Nachdem Danila Bagrow (Sergei Sergejewitsch Bodrov) aus der Armee entlassen wurde, geht er nach Sankt Petersburg, um dort ein neues Leben anzufangen. Dort angekommen besucht seinen Bruder Viktor, empfangen wird er allerdings mit einer Waffe an der Schläfe. Viktor ist inzwischen Gangster geworden. Kurze Zeit später hat Danila seinen ersten Auftrag als Killer: er soll "den Tschetschenen" ermorden, der momentan den Markt für Rauschgift kontrolliert. Ein kriminelles Kartell im Hintergrund versucht diesen wieder in russische Hand zu bekommen. Der Anschlag glückt, aber auf der Flucht wird er von den Handlangern des Tschetschenen angeschossen und kann nur Dank der Straßenbahnlenkerin Svetka entkommen, die sich dabei in ihn verknallt und mit ihm eine Affäre beginnt. "Der Deutsche", ein obdachloser deutschstämmiger Russe, der auf einem Friedhof haust, kümmert sich um Danilas Verletzung. Doch bereits beim nächsten Auftrag scheint Danila hintergangen worden zu sein: die Killer der Mafia sind hinter ihm her.

Balabanov zeigt uns ein hässliches Russland. Ein kaputtes Land nach dem Kollaps der Sowjetunion, orientierungslos, instabil, ein kriminelles Russland, ein armes Russland, mit einer unzufriedenen Jugend, die die alten Werte ablehnt und sich am Westen orientiert. Besonders die Musik der Alternativkultur fällt auf: Punk, Rock, und Techno. Dabei ständiger Regen, graue Straßenzüge, der Schwarzmarkt, Menschen in Lumpen, zerfallene Häuser, überall Kriminalität. Auch wer ein Zuhause hat, ist nicht sicher. Ständig werden Türen aufgebrochen, wird in private Räume eingedrungen, werden die Rückzugsorte des Individuums zerstört. Danila etwa hat gar keinen festen Wohnsitz, selbst als er bereits mehrere Wochen in Petersburg ist - einmal gibt es eine kurze Szene, in der er sich in ein möbliertes Zimmer einmietet (und die Vermieterin, die direkt kassiert, den Geldschein gegen das Licht hält um ihn auf seine Echtheit zu prüfen). Wie lange er aber dort "wohnt", ist völlig unklar, in der Wohnung wird er nie gezeigt. Sitzt er einmal ruhig an einem Tisch, dann bastelt er sich eine Waffe, einen Schalldämpfer, oder sägt die Schrotflinte ab. Svetka wird in ihrer Wohnung von ihrem Mann verprügelt und später vergewaltigt. Als sie die Wahl hat, neu anzufangen, wählt sie das, was sie schon kennt. Sie bleibt bei dem Schläger und schaut mit aufgeplatzter Oberlippe und ohne Hoffnung ins Nichts an der Kamera vorbei. Der Bruder Danilas, Viktor, wird in seiner Wohnung von den Killern gestellt, gefoltert, und als Geisel genommen. Die Verhältnisse sind also alle extrem instabil, eine Sicherheit gibt es für die Figuren nicht.

In BRAT werden die Personen häufig nicht durch ihre individuellen Namen erkennbar, sondern durch ihr Verhältnis und ihre Funktion zueinander: am Offensichtlichsten der "Brat". Wer "Brat" ist, ist über allen Zweifel erhaben; das kann der echte, leibliche Bruder sein, oder aber ein Gangster, dem vollkommen vertraut wird: ein Blutsbruder. Wie oben bereits angesprochen, gibt es noch "den Tschetschenen", "den Deutschen" (obwohl er Danila einmal seinen Namen sagt), usw. Den Nebenfiguren wird sogar häufig nicht einmal der Namen gegönnt, deren Funktion erschließt sich manchmal erst durch den Kontext. Es sind herumirrende Satelliten, die keine Bestimmung und Individualität zu haben scheinen.

Interessant ist vor allem der Charakter Danilas, der sich in kurzer Zeit zum kaltblütigen Killer entwickelt - und der zugleich immer sanfter auszusehen scheint, der immer sympathischer wird. Ein Mörder, der supernett die Verkäuferin im Plattenladen nach den neusten CDs fragt und sich auf ihre Empfehlung verlässt. Ein Mann, der zugleich äußerst kaltblütig ist, der keine Sekunde zögert in einer brenzligen Situation. Dabei, und das ist wohl ausschlaggebend für die Sympthie, die ihm entgegengebracht wurde und die Sergei Bodrov zu einer Kultfigur werden ließ: er ist dennoch "gerecht". Er hat noch nicht alle Moral über Bord geworfen, läßt etwa einen Unbeteiligten am Leben, obwohl dieser ihn problemlos identifizieren könnte. Danila ist rücksichtslos gegen sich selbst, und sich selbst zugleich etwas wert: immer wieder kommt er zurück in den Plattenladen, um sich neue CDs zu holen, die er auf seinen Wanderungen durch die Stadt auf dem Discman anhört. Die Musik - ein entscheidendes Element des Zeitgeistes - als Musik der Jugend, des Aufbegehrens, wird mehrfach ins Zentrum des Films gerückt. Durch lange Szenen eines Live-Auftritts der Band Nautilus Pompilius etwa (die alternative Band im Russland der 90er, und deren Sänger auch eine kleine Rolle im Film hat - der versehentlich an der Tür klopft auf der Suche nach der Party im oberen Stockwerk, auf die sich Danila dann einschleust, vorgeblich auf der Suche nach einer Kopfschmerztablette, dabei hatte er den Sänger erkannt), oder durch den Besuch einer illegalen Techno-Party, wo Danila mit der Drogenschlampe Kat abhängt, die kein Problem damit hat, total nett und zugleich ausbeuterisch zu sein. In diesen Film sind die Verhältnisse eben generell sehr instabil. BRAT ist ein düsterer Film, in grau, braun, und in dreckiges Orange gefiltert, enorm spannend, und hat Bilder zu bieten, die einen so schnell nicht loslassen. Und der zugleich doch nicht ohne alle Hoffnung ist - Dank seines Protagonisten.













(Beim Bildformat bin ich mir unsicher - es scheint in  jeder Einstellung nicht 100%ig zu stimmen...)


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