Mittwoch, 10. Juli 2013

"Bäume dienen hier nur als Galgen, um Gesetzlose dran aufzuhängen." - Schnappschüsse, Pt. 8

Ride in the Whirlwind (Monte Hellman, USA 1965) - In den Weiten Utahs, zwischen den roten Sandsteintürmen, stoßen drei Cowboys auf der Heimkehr zufällig auf eine Bande Gesetzlose, verbringen bei diesen eine Nacht und werden am nächsten Morgen irrtümlich von einer Vigilantengruppe, die hinter den Verbrechern her ist, ebenfalls  für Galgenvögel gehalten. Fortan befindet man sich auf der Flucht durch staubtrockene Täler, steile Schluchten hinauf und auf ausgesetzten Steinbändern entlang, über dürre Hochebenen hinweg, ohne Proviant und Wasser: dem Tode geweiht. Hellman drehte diesen Film back-to-back mit THE SHOOTING, und teilt also mit diesem das großartige Setting, diese Natur, und auch die in Grundzügen ähnliche Story. Ganz anders wird allerdings in WHIRLWIND viel geredet, stellenweise kam er mir sogar richtig verlabert vor. Überhaupt habe ich ihn eher als Anti-Western gesehen, denn dieser Film stellt Szenen aus, die man sonst so nie in einem Western zu sehen bekommt: der Angriff auf die Postkutsche wird z. B. nicht auf die Sensation hin erzählt; der Überraschungseffekt wird drangegeben, da man die Räuber schon bei den Vorbereitungen begleitet. Der Überfall selbst ist ernüchternd unspektakulär, eine kurze Alibi-Schießerei muß genügen. Ein weiteres Beispiel: am Lagerfeuer bekommt man ein resignatives Gespräch zu hören, während nebenbei einer der drei Helden das Geschirr abwäscht: er läßt sich die Teller reichen, reibt diese mit Sand ab und spült kurz mit der Feldflasche drüber. So läuft das nämlich im Wilden Westen. Überhaupt ist der Film mehr an der Verlorenheit der Figuren interessiert, denn an Schauwerten oder Action, auch an der Gewalt, die der weiße Mann dem weißen Mann antut; am Altwerden, am Davonlaufen. Utah gerät wie beiläufig ins Bild, immer trocken, immer staubig, immer ausgedörrt. Schön, aber tödlich. Bäume dienen hier nur als Galgen, um Gesetzlose dran aufzuhängen.

Denk ich an Deutschland – Herr Wichmann von der CDU (Andreas Dresen, D 2003) - Mal wieder diesen Fremdschamknaller geschaut, der jetzt bei dritter Sichtung noch viel deutlicher als beim vorherigen Sehen Dresens Feingefühl für Nebenschauplätze erkennbar macht. Denn auch in den vielen Details am Bildrand, die man gerne aufgrund der offenkundigeren Skandale "in Bildmitte" übersieht, beweist sich die Güte dieses Films (Bildzeitungsleser, Tirolerhütchenträger, ein schüchterner Kamerablick des Buben bei der Nationalhymne, die Frau des Faschos). Ein so wunderbar komponierter Film, daß man das Dokumentarische anzweifelt. "Füße heben!"

Frozen River (Courtney Hunt, USA 2008) - Als sie die Miete für ihren Trailer nicht mehr bezahlen kann und ihr zeitgleich der Gatte davonläuft, muß eine im Supermarkt angestellte Mitvierzigerin mit emblematischen White-Trash-Tattoos eine schnelle Lösung finden, an Geld zu kommen. Da kommt die Gelegenheit, illegale Einwanderer über den zugefrorenen Fluß aus Kanada in die USA einzuschleusen gerade recht; zumal das zu durchquerende Indianerterritorium in seinem rechtlichen Sonderstatus genug Raum lässt, die moralische Frage nach dem Unrechtsbewußtsein beiseite zu schieben. Daß das nicht lange gut geht, ist klar bei einem sogenannten "Independentfilm" mit Problemcontent. Der mitfühlende Zuschauer, der naturgemäß sofort erkennt, daß es die Verhältnisse sind, die die Heldin zum Gesetzesbruch treiben, ist gewillt seine Sympathie lenken zu lassen; zumal der Gesetzesbruch im Dienste einer guten Sache steht: daß so nämlich wirtschaftlich noch stärker benachteiligten Menschen geholfen wird. Daß es eigentlich ums Geld geht, wird mit fortlaufender Spielzeit ebenfalls aufgeweicht, unterstützen sich doch die Schlepper mit zunehmender Annäherung irgendwann gegenseitig auch mit Knete, um in dieser ungerechten Welt zurecht zu kommen. Das Spotten ist leicht - und nicht ganz gerechtfertigt. Denn tatsächlich ist die Menschlichkeit ja ein herzergreifender Charakterzug, und zu guten Taten ist ein jeder fähig - ganz gleich, in welch übler Situation er steckt. Es ist also dem Film einerseits anzurechnen, nicht alles in einen großen Kunstfilm-Weltuntergang hineinsteigern zu lassen, andrerseits ist aber auch sehr deutlich, wie hier Sympathien gelenkt, bzw. Gefühle manipuliert werden. Formal hat der Film auch recht wenig zu bieten, ist sehr konventionell geraten. Lediglich die Helligkeit der Schneefläche vermag nach langer Nacht sehr zu blenden. Letztlich stellt sich also die Frage: wem wird dieser Film wohl nicht gefallen? Niemandem, der sich als Kulturmensch begreift und der etwas auf sich hält. Also: jedem, der Film "mit Anspruch" goutiert, wird eben diesen gut finden. Wie man selbst. Und das ist dann allerdings weniger gut.

Der Sprung ins Glück / Totte et sa chance / La storia di una piccola Parigina (Augusto Genina, Fr/D/It, 1927) [35mm, Länge: 2208 Meter, 97 min, 20 B/s, frz. Zwischentitel mit dt. Übersetzung, Musik: Joachim Bärenz (Piano)] - {gesehen letztes Jahr beim Stummfilmfestival in Bonn} - Eine Maniküre findet auf der Suche nach der großen Liebe in einem Aristokraten ihren Traummann, welcher sie zunächst nur deswegen heiraten will, um sich endlich  dem Zugriff seines Vaters entziehen zu können. Doch dann geht auch sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Die enorm temporeiche Komödie verschärft ihren Humor in der zweiten Hälfte noch dadurch, dass sie auf die Bahnen einer Verwechslungskomödie im Stile des 19. Jahrhunderts einschwenkt. Sehr pointiert inszeniert, schnell geschnitten und immer im richtigen Maß auf die Gefühle geachtet, konnte dieser enorm lustige Film das Publikum begeistern und erntete am Ende großen Applaus. DER SPRUNG INS GLÜCK scheint mir dabei nichts wirklich Herausragendes zu sein, doch ist er innerhalb seiner Grenzen eine sehr feine Komödie. Die tollen Darsteller und die Großstadtbilder, sowie die mondänen Salons und männerdominierten Raucherclubs müssen hier auch noch unbedingt erwähnt werden.

Der lebende Leichnam (Fedor Ozep, Deutschland/Sowjetunion 1929) - [35mm, 3011 Meter, 120 min bei 22 B/s, schwarzweiß, Musik: Joachim Bärenz (Piano)] - {gesehen letztes Jahr beim Stummfilmfestival in Bonn} - Fedja Protassow (Vsevolod Pudovkin) möchte sich von seiner Frau scheiden lassen, da ihre Liebe erkaltet ist und sie mittlerweile einen anderen liebt. Er möchte dem jungen Glück nicht im Wege stehen. In der zaristischen Gesellschaft des vorrevolutionären Russland ist eine Scheidung aber ein heikles Unterfangen und schnell gerät Fedja an die Grenzen dessen, was die Würde eines Edelmannes zulässt. Was ihm bleibt ist ein simulierter Selbstmord - er wird zu einem Mann ohne Namen, dem lebenden Leichnam. Nun mittellos und ohne Unnterkunft schlägt er sich durch die Nächte, zieht durch die Kneipen und Bars, und landet immer wieder im Armenhaus. Ein Entkommen aus dieser Situation scheint unmöglich, bis ein Erpresser seine wahre Identität herausbekommt und Fedja konfrontiert. Da muß er plötzlich nochmal Stellung beziehen. Nach Tolstoj. Tolle Schauspieler, beängstigende Milieuschilderungen, schöne Nachtphotographie. Der Film ist ein Augenschmaus, leider aber auch etwas lang (vor allem in einzelnen Szenen; woran man gut das damalige noch andere Zeitempfinden für Szenen- und Einstellungslängen nachvollziehen kann) und gegen Ende ein Plädoyer für die Menschlichkeit. Schön.

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