Mittwoch, 21. August 2013

Im Westen nichts Neues (Lewis Milestone, USA 1930)


Mega-Klassiker des Anti-Kriegsfilms, der die Fährnisse eines deutschen Gymnasiasten darstellt, der von seinem Lehrer in die Begeisterung von Volk und Vaterland, der Ehre für dieses zu kämpfen und zu sterben getrieben wird. Und dann in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs landet, wo es nur ums Überleben geht und von Pathos und Ehre nichts mehr zu spüren ist. Besonders markant wird dies bei einem Heimaturlaub des Jünglings, der sich bei den stolzen Eltern verloren und unverstanden fühlt, im Wirtshaus den Stammtischstrategen mit ihrer Bescheidwisserei nicht mehr zuhören kann und beim Besuch in der Klasse der ehemaligen Schule, Kritik äußernd, bald als Vaterlandsverräter beschimpft wird. Er sehnt sich zurück an die Front, er findet keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Womöglich ist ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT, der sich mit seinem Titel schließlich auf den Tod des Soldaten bezieht, was eben völlig normal ist und keine Meldung wert, vielleicht der thematisch umfassendste amerikanische Anti-Kriegsfilm aller Zeiten. Die große Anzahl verschiedener Kriegstopoi - von der Ausbildung zur Desillusionierung zum Trauma - kennt man aus den vielen Kriegsfilmen, die ihm folgen sollten, aber so gebündelt und die Probleme durchdeklinierend scheint dieser mutige Film durchaus herauszustechen, der auch in anderer Weise an Schnittstellen steht: vom Stummfilm zum Tonfilm (der Film wurde auch stumm vorgeführt), zwischen den beiden Weltkriegen, zwischen dem Jubel auf einen Ausflug nach Paris zu fahren und dem, den man bald einem Männchen mit Bärtchen zurufen würde. Heute mag der Film durchaus ein wenig schematisch vorkommen, etwa in seinen Dialogen, die etwas allzu erpicht darauf sind, kein Problem außen vor zu lassen. Eine gewisse hölzerne Mechanik kommt nicht nur in ihnen, sondern manchesmal auch in den Bildabfolgen durch, die den Film wie am Reißbrett entworfen wirken lassen. Eine besonders schöne, themenbündelnde Szenenabfolge muss aber noch kurz erwähnt werden, nämlich die, in der ein Paar Stiefel immer wieder den Besitzer wechselt bis zu dessen Tod, vom nächsten Soldaten bedürftig entwendet werden um ihn wieder (nur) in den Tod zu tragen. Akira Kurosawa muss das gesehen haben, denn in SANSHIRO SUGATA (wenn ich mich recht erinnere) gibt es eine ganz ähnliche Szene mit einem Paar Getas, entlang derer für einen kurzen Moment sich die filmische Narration bewegt.

***