Mittwoch, 30. April 2014

Wortkarg ins Ungewisse: Thomas Arslans GOLD (2013)

Die deutsche Amerikaeinwanderin Emily Meyer (Nina Hoss) schließt sich im Jahr 1898 einem Goldsuchertreck an, der in den hohen Norden Kanadas zieht, um zu den sagenumwobenen Goldfeldern am Klondike River zu gelangen. Obwohl ihnen mehrfach davon abgeraten wird, nehmen sie die Strapazen auf sich und versuchen ihr Glück - doch bald schon gibt es erste Rückschläge. Die raue Wildnis fordert ihren Tribut: Erst stehen gefährliche Flussüberquerungen an, dann bricht der Planwagen mit den Küchenutensilien zusammen, es folgt ein Schlangenbiss, Alkoholismus und Begehren, später die leider etwas allzu gerechte Bestrafung des Bösewichts durch die Bärenfalle. Einmal dann auch Wahnsinn. Es dauert also nicht lange, bis auch innerhalb der siebenköpfigen Gruppe die Konflikte ausbrechen müssen. Es ist natürlich auch die Erschöpfung, die der Gruppe zusetzt, ebenso wie die zunehmende Unsicherheit, ob das Unternehmen denn überhaupt gelingen könnte.

In Arslans Spätwestern ist zunächst einmal spannend, wie sich die Figuren innerhalb der Gruppe positionieren, welche Allianzen gebildet werden, wie die einzelnen Personen harmonieren. Schon früh gibt es ein erstes und erwartbares Gerangel um Emily, die alleinreisende Frau - Rosa Enskat, die Köchin (Maria Dietz), weiß mit souveränem, vielleicht auch neidischem Blick, dass hier nur Unheil entstehen kann. Gleichwohl hält sich der Film dann dahingehend zurück, er besinnt sich auf größere Konflikte. Und Emily weiß selbst sehr wohl, wie man sich die Männer vom Hals halten kann - und wie den Herren mit einem einzigen, kleinen Lächeln eine schlaflose Nacht zu bereiten ist. Überraschend, um wie viel komplexer und detaillierter das Spiel der Hoss hier dann doch ausfällt, nachdem man allerorten und vor allem in der Berichterstattung nach der Berlinale 2013 von der "eiskalten, reglosen Nina Hoss" lesen konnte. Das ist Unfug, ganz großartig schlägt sie feinste, nuancierte Töne an.

Der Film strebt, anstatt auf ein Ziel hin, ins Ungewisse, ins Offene. Das mag schwer erträglich sein für viele, die unter einem geglückten Kunstwerk ein in sich geschlossenes Ganzes verstehen. Toll wie da Lars Rudolph ausreißt, sich in seiner größten Szene sinnbildlich und konkret zugleich die Kleider vom Leib reißt und davonrennt, hinein in seinen Wahnsinn oder sonst was - und einfach (aus dem Film) verschwindet. Man weiß nicht, wie ihm geschieht, und der Film sagt es einem nicht. Und: Lange Sequenzen von Landschaftsbildern takten diesen Film, geben ihm seinen Groove - Panoramen, Wälder, das Abendlicht, Berghänge und Flusstäler. Das war zwar alles schon mal da, aber selten so poetisch, atmosphärisch, dicht (Kamera: Patrick Orth). Hier muss man ein Stück weit ablassen können vom üblichen Diktat der Handlungsabfolge, wie man es vom herkömmlichen Erzählkino gewohnt ist. Man muss sich Zeit nehmen für die mäandernden Abschweifungen und die visuellen Reize, dann wird "Gold" ganz groß.


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