Samstag, 21. Juni 2014

Maman und Ich / Les garçons et Guillaume, à table! (Guillaume Gallienne, Frankreich / Belgien 2013)

Guillaume Gallienne, der hier in Personalunion als Regisseur, Darsteller der beiden Protagonisten und als Drehbuchautor seines eigenen, sehr erfolgreichen Theaterstücks auftritt, hat mit diesem Film, der auch beim Filmfestival in Cannes lief, in Frankreich fünf Césars abgeräumt. Zur Zeit ist er außerdem als Pierre Bergé, dem stillen Geliebten, Manager und Lebensgefährten von YSL in Jalil Lesperts gleichnamigem Biopic Yves Saint Laurent zu sehen. Hier nun aber: die eigene Biographie, sein eigenes Verhältnis zur Mutter habe er verfilmt.

Und dabei ist Maman und Ich ein umgekehrter coming out-Film geworden, ein manchmal alberner, mal bissiger Film einer frühen Adoleszenz, die sensibel ihre eigene Sexualität zu erforschen sucht. Dann eines Erwachens zum Manne, in dem einer, der in die Rolle eines Homosexuellen gedrängt wurde und wird, schließlich seine heterosexuelle Seite entdeckt. "Zu Tisch!" also ruft die Mutter ihren Nachwuchs, "die Jungen und Guillaume". Die Erfahrung nicht dazuzugehören prägt sich ihm schon als frühes Kindheitserlebnis ein (deswegen auch der Filmtitel im Original). Dies die Bestätigung eines Zustands, dass Guillaume eben kein Junge ist, dass mit ihm etwas anders ist, etwas Unaussprechliches. Später dann wird es einmal bei einem "Frauenabend" seiner besten Freundin heißen, zu dem er auch geladen ist, "Es gibt Essen!, Mädels", und ein "und Guillaume" wird angehängt. Für die Freundin also ist Guillaume ein Mann, eine Sache, über die er sich - wirklich merkwürdig, da er die ganze Zeit über ja ein Mädchen, Sissi und so weiter, sein wollte - diebisch freut. Die Bestätigung aus dem Munde einer Frau, dass er keine Frau sei! Abgesehen von einer verkürzt rumpeligen Plotenwicklung hat das auch einen merkwürdig konservativen, bitteren Geschmack für einen Film, der bisher zur Freiheit, Offenheit und Aufgeschlossenheit gedrängt hatte.

Der Film ist reichlich medioker - zum einen zünden die Pointen nicht immer, zum anderen mag man mit dem Protagonisten nicht uneingeschränkt mitfühlen, wenn man seinen auf immer und ewig abgesicherten, bourgeoisen Hintergrund wie einen durchsichtigen Fallschirm durch den Film schweben sieht. Was soll ihm schon passieren, als dass er mit einer Lüge leben müsste. Außer zu stottern, die Wörter unaussprechbar wie grobe Brocken im Mund (dies ein schönes Motiv im Film: keine Wörter dafür zu finden, was man nicht benennen kann). Zudem mit einer Konfliktlage, die niemals wirklich angeprochen wird, da das Elternhaus Guillaumes natürlich ein solches ist, in dem Probleme grundsätzlich niemals thematisiert sondern totgeschwiegen werden. Hier könnte man es sich - trotz der Probleme - wunderbar einrichten in einem Seitenflügel des Anwesens vor den Toren von Paris. Die Empathie hält sich da, klar, in Grenzen.

Zudem hat der Film, der letztlich durch die Brillanz des Hauptdarstellers glänzen will, der in einer Doppelrolle als Protagonist Guillaume und zugleich als seine Mutter auftritt (ausgerechnet der Frau, von der er sich lösen will und die er zugleich nachahmt und vergöttert), eine recht penetrante Art, seine flott-freche Beschwingtheit, die immer wieder auf der unschuldigen Naivität der lebensunfähigen Hauptfigur aufbaut, auszustellen. Ein wenig erinnert das an den nervtötenden Inszenierungsstil der pseudohippen Regiearbeiten Cédric Klapischs, der gerade mit seinem unsäglichen Film Chinesisches Puzzle (Casse-tête chinois, 2013) die Zuschauer in die deutschen Arthaus-Kinos lockt(e). Am Ende freilich, da wird alles gut im Wohlfühlfilm Maman und Ich, da wird sogar noch geheiratet und zwar: heterosexuell. Amen. Ab in die Kirche.

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