Dienstag, 8. November 2016

Edge of Winter (Robert Connolly, Kanada/USA 2016)

Der Australier Connolly macht einen Film im kanadischen Winter, bzw. in einer Landschaft, die dem Winter im Herzen nahe ist. Denn hier erkaltet alles nach und nach. Wie der Sohn, der urplötzlich beim Queren des Eises einbricht und beinahe erfriert. Und da ist dann der - ansonsten unzuverlässige - Vater auch gleich zur Stelle, schert sich um das eigene Leben nicht, sondern rettet das einzige, was ihm, laut Eigenaussage, etwas im verkorksten Dasein bedeutet: seinen Sohn. Die Handlung des Films laviert sich immer weiter in eine Ausweglosigkeit hinein, da der Vater, der Loser-Dad, gespielt vom auf diese Rollen abonnierten Nuschelmann Joel Kinnaman, seine Söhne verlieren wird und das nicht zulassen möchte. Seine Frau hat ihn schon lange verlassen und wird mit ihrem neuen Lebensgefährten (und den Söhnen) nach London auswandern. Dann, so sagt er, wird er gar nichts mehr haben im Leben.

Das stimmt nicht ganz, denn seine Wutausbrüche und Aggressionen werden ihm erhalten bleiben und diese treiben auch bald einen emotionalen Keil in die prekäre Familiensituation. Auf ein Wochenende beim "richtigen Dad" fahren sie hinaus in die Wälder, und weil er so ein toller Hecht sein will, kommen sie aus diesen nicht mehr hinaus. Das Auto ist bald Schrott und man versucht eine einsame Blockhütte zu erreichen, weil sonst: Kältetod. Bzw., auch doof für ihn: die Zivilisation, in der er nachweislich stetig versagt. Dann fängt es auch noch an zu schneien. Und zwei Franzosen, die helfen könnten, werden wie gefährliche Eindringlinge behandelt ( - eine politische Anspielung?). Verständlich, denn auch sie sind ein letzter möglicher Kontakt zur Welt dort draußen. Dort, wo man erwachsen sein und Verantwortung übernehmen muss.

Der Film krankt an vielerlei Details und macht doch so einiges richtig. Obwohl er sehr vorhersehbar ist, ist er doch ziemlich unterhaltsam - und ja, manchmal auch spannend. Irgendwelche Strukturen, die diesen genremechanistischen Filmen innewohnen, werden jedoch niemals angekratzt. Da läuft Edge of Winter  wie auf Autopilot. Und wird allenfalls unfreiwillig selbstironisch, wenn Kinnaman die Stille des nächtlichen Waldes lobt, und zugleich der nie enden wollende Soundtrack, ein mystisches Atmo-Synthieflächen-Blubbern und -Schweben, eben genau diese Stille gar nicht wahrnehmen lässt. Und dass bei einem Zweikampf dann der Gegner nicht nur augeknockt wird, sondern schnellstens seinen Verletzungen erliegt, dient ebenfalls dem Nehmen plottechnischer Abkürzungen. Die beiden Buben spielen ausgezeichnet (Tom Holland!), vor allem am Ende im Auto zeigt sich das. Kinnaman dagegen verlässlich, so wie immer, bekommt das ziemlich gut hin mit der Balance zwischen verzweifelt liebendem Vater und verrücktem Maniac mit Verlustangst (auch wenn man den Eindruck hat, dass ihn der Regisseur nicht von der Leine lässt und seinem Hauptdarsteller nicht ganz vertraut). Und da seine Klamotten wie bei KIK eingekauft wirken, sieht er auch so aus, wie ein frustrierter Hinterwäldler und Trump-Wähler, der um seine Freiheit Angst hat - auch wenn man gar nicht so genau weiß, um was für eine Freiheit es sich da handeln mag.

Mit 90 Minuten Laufzeit ist der Film knackig kurz und passt tetrismäßig primo ins TV-Programm. Er ist produziert von Telefilm Canada und in Deutschland Anfang Oktober direkt via DVD erschienen, in USA aber im Kino (und via VOD). Das ist, obwohl er sicherlich kein guter Film ist, doch etwas schade. Denn über TV-Niveau steht er sicherlich. Aber wenn man ein Lanze für jeden Film brechen würde, der es verdient gehabt hätte, in den deutschen Kinos zu laufen, dann hätte man viel zu tun. Denn bei uns, da ist es so düster, wie wenn die Schatten der Nacht über eine einsame Bockhütte im Nirgendwo fallen. Und die einzige Aussicht auf Frühstück in einem Stück gebratenen Rehfleischs besteht. Ohne Salz, versteht sich.

Michael Schleeh

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