Montag, 13. April 2020

REVENGE (Coralie Fargeat, 2017)

 Knallig gefilmter Rape & Revenge-Genrefilm aus Frankreich, dem immer wieder eine feministische Ausrichtung nachgesagt wird, da einerseits hier eine Regisseurin am Werk ist, zum anderen die Perspektive im Laufe des Films sich sehr der Protagonistin annähert.

 Diese mausert sich vom Opfer zur Täterin, zu derjenigen, die ihr Schicksal in die eigene Hand nimmt - und sich an ihren Peinigern rächt. Was sicherlich richtig ist. Aber auch nicht völlig ungewöhnlich. Im japanischen Genrefilm gibt es eine ganze Reihe derlei Filme, in denen bisweilen sogar ikonenhafte Frauengestalten zu Heldinnen stilisiert werden - allen voran denke man an Meiko Kaji in der SASORI - Reihe.

 Meine Kritik an diesem Film ist eine andere. Denn der Blick der Kamera bleibt weiterhin ein männlicher. Die verwandelte Anti-Heldin Jen macht zwar alles so, wie man es sich von einer gepeinigten Rächerin wünscht, allerdings wird weiterhin ihr knackiger Arsch (den die Männer in der ersten Hälfte mehrfach loben) in Zeitlupe abgeschwenkt - nun halt mit Blut dran -, wird weiterhin ihr wuschliges Haar nach Art der Löwenmähne drapiert, läuft weiterhin die Blutsoße dekorativ übers Bustier usw usf. 

 Was der Film behauptet zu tun, nämlich "aus weiblich souveräner Perspektive" zu erzählen, ist Quatsch. Er ist und bleibt eine Wichsvorlage für den männlichen Blick, oder für jede(n), der/die gutaussehende Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs attraktiv findet. Nur wird dem Mann im Laufe des Films eben der Pimmel, und nicht nur der, abgeschossen. Der "Phönix Frau" ersteigt aus der Asche, die der Mann hinterlässt. Und das soll feministisch sein?

Michael Schleeh

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Sonntag, 12. April 2020

The Island / Ostrov (Pavel Lungin, 2006)


Auf einer einsamen, verschneiten Insel im sibirischen Nordmeer haust der eigenbrötlerische Priester Anatoly (Pyotr Mamonov) in einem schwarzen Kohlenkeller, der immer wieder von Bedürftigen als Wunderheiler aufgesucht wird. Die Legende geht, er sei ein Heiliger. Eines Tages kreuzt aber der Mann auf, dem er vor vielen Jahren das Leben genommen hat.

Ein bildgewaltiges Werk voll katholisch-orthodoxem Pathos und Schicksalhaftigkeit, das aus seiner Geschichte um eine Kriegsschuld und deren Sühne, die manchmal durchaus auch etwas zäh ist, das Maximum herausholt - und gerade wegen dieser hingebungsvollen Konsequenz so ganz anders wirkt, als das schnellebige Kinofutter, an das wir uns mittlerweile gewöhnt haben.


Es ist ein beeindruckend verstörendes und erinnerungsstark sich einprägendes Zusammenspiel von starken Schauspielerleistungen, der kargen, lebensfeindlichen Landschaft und der sich erhebenden gravitätischen, klassischen Musik, die dem Film seine Schwere verleiht. Er verweigert sich den Sehgewohnheiten der heutigen Zeit, ohne sich dem Trend des slow cinema anzubiedern. Ein eigenständiger Film klassischer Prägung, dessen Erzählung aber nicht mit einer klassischen Narration verknüpft ist. Dafür ist diese zu episodisch. Der Film könnte auch noch zehn Stunden so weiter gehen. 

Am Ende findet er aber dennoch seinen Abschluß - auch dieser ist so gestaltet, dass dem an die weltlichen Dinge glaubenden Individuum das Handwerszeug fehlt. Phantastisch, spirituell. Mit einer Verbeugung an Tarkovsky. Ostrov ist zudem der Gewinner des russischen Golden Eagle Awards.

Michael Schleeh

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